Lübeck und seine Brocken, verschwindend

07.10.10 09:00 von Andrea Keil 0 Kommentare

Schon wieder verschwindet was in Lübeck. Dieses Mal ist es wenigstens nicht die ehemals gefährdete Uni, um die Lübecks Bürger in diesem Sommer so beeindruckend und solidarisch gekämpft haben. (In diesem "aufständischen" Miteinander kristallisierte sich, scheint mir, der "hanseatische Bürgersinn", für den die Lübecker - neben ihrem Marzipan, natürlich - berühmt sein sollen.) - Also zum Thema Verschwinden: Auf dem Heimweg vom Buchladen will ich noch schnell bei der Brockensammlung vorbei: Vom Apothekenschrank bis zur Zuckerdose gibt’s hier alles, sogar 70er-Jahre-Cocktailgläser. Man findet hier, was andere dort nicht mehr haben möchten (oder können, weil sie zum Beispiel verstorben sind). Ein großer Teil der „Brocken“ stammt nämlich aus Haushaltsauflösungen (sehen Sie: Deren Besitzer sind zwar verschwunden, dafür aber deren Brocken mit neuem Marktwert wieder da). In diesem sozialen „Kaufhaus“ können sich Menschen mit kleinem Einkommen zu kleinen Preisen ausstatten. Oder Menschen mit Geschmack: Hier kehren auch Theater- und Filmausstatter ein, auf der Suche nach (zum Beispiel) "historischen" Plastik-Eierbechern oder zerdepperbaren Tellern und Tassen.

Die liebenswerte Ausstrahlung der verstaubten Dinge, der raue, zahnlose Charme von Klientel und ehrenamtlichen Mitarbeitern, kombiniert mit der konsumkritischen oder geiz-ist-geil-mentalen Haltung lockt uns Käufer immer wieder zur Brockensammlung über die holperigen Kopfsteinpflaster hinter dem Gymnasium „Ernestine“ hinab, durch einen Wandelgarten mit Blick auf hübsche Backsteingiebelhäuser... - Aber was ist das? Wie bitte: Einfach weg? Die verwaisten Räume führen in ein hell beleuchtetes Gewölbe, in dem gehämmert wird. Wird hier etwa Gold geschürft? Lübecks Kunst, Kultur und Bildung könnten jedenfalls ein paar Taler brauchen... (ja, leider: Die Stadt läuft manches Mal Gefahr, sich zum alten Brocken zu degradieren).

Die malenden Schüler draußen im Innenhof geben freundlich Auskunft: Hier soll die neue Mensa der Ernestine hin - wenn das altehrwürdige Gebäude nicht zusammenbricht. Klar, "G8"! Ein warmes Mahl am Mittag soll es nun bei dem langen Schultag auch hier geben. Nach dem Essen, stelle ich mir vor, wandeln die jungen Menschen durch die klösterlich anmutende Anlage und genießen ihre Zigarette „danach“... - Fehlt eigentlich nur noch die Brockensammlung, in der sie ein wenig „shoppen“ könnten. Doch mal ehrlich: Die jungen Leute kaufen lieber Plastikplunder aus China statt Omas brackig riechende Brocken, oder? Die Sammlung soll ja ein schönes neues Heim im Steinrader Weg bezogen haben, nun, da muss ich demnächst mal hin...

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