Was hat Tokyo eigentlich mit Lübeck zu tun?
23.03.11 20:00 von Andrea Keil 1 Kommentare
Seit einigen Wochen nun müssen sich die Medienmacher keine "hyperisierenden" Geschichten der Kategorie zu Guttenberg mehr aus den Tasten saugen und auf die Bildschirme zaubern – weil die Welt Wichtigeres zu berichten, Essenzielleres zu denken hat: In den arabischen Staaten kocht es politisch, in Japan naturkatastrophen- und energietechnisch. Dort überall spielen sich Unglücke ab, die uns das Gruseln, das Schaudern, das Mitbangen und Mitleiden aufs Empfindlichste neu lehren.
Ja, was hat das alles mit uns zu tun, die wir uns, mehr als 9000 Kilometer von Tokyo entfernt, in einer „gefühlten“ Sicherheit wähnen? Japans Premierminister Naoto Kan hat gesagt, er bzw. sein Land werde für die Zukunft lernen. Vermutlich wird er recht behalten. Vermutlich werden die Japaner in einigen Jahren die besten Dekontaminationsmaßnahmen gegen radioaktive Strahlung oder die innovativsten und leistungsstärksten alternativen Energietechnologien entwickelt haben – nachdem sie die Helden von Fukushima und wer weiß wie viele andere verstrahlte Nicht-Helden zu Grabe getragen haben werden. Wir, die Davongekommenen, schalten derweil unsere alten Kraftwerke vorübergehend aus, beruhigen uns erst einmal, erholen uns von dem schönen Schrecken, überstehen einige Landtagswahlen und lassen langsam Gras über die Sache wachsen.
Doch man nuss auf der Frage beharren: Was könnte ein auf der anderen Erdhalbkugel explodierendes Atomkraftwerk denn mit uns Deutschen, im Speziellen mit uns Lübeckern zu tun haben? Könnten SOGAR WIR etwas aus der Atom-Katastrophe lernen? Könnten wir zum Beispiel weniger anstatt (nur) alternativer Energie verbrauchen? Könnten wir an dieser Stelle sogar die für die kommunikative Ästhetik weitgehend anerkannte Maxime „weniger ist mehr“ einführen? Weniger Stromverbrauch wäre "mehr gut", also: besser für die Umwelt, wäre gesünder, schöner, "zukünftiger", nämlich nachhaltiger, hieße auch: Wir benötigten keine Atomkraftwerke mehr?!
KÖNNTEN WIR UNS – ich gehe noch weiter – ein weniger parteipolitisch und mehr grundsätzlich GRÜNES LÜBECK VORSTELLEN? Damit meine ich nicht ein paar Straßen flankierende Linden- oder Stadtparkbäume. Oder sind wir zu bequem, wenn es zum Beispiel um das Einfachste und zugleich das Schwerste geht, nämlich um den bewussten Energie-Verzicht, um das Umdenken und Umlenken, das der aufgeklärt-ungläubige Gegenwartsmensch sich nun selber predigen muss?
Für den Einzelnen hieße das zum Beispiel: Fahrrad statt Auto fahren (in Lübeck leicht möglich!), Pulli an statt Heizung (schon weniger bequem), kalt statt warm duschen (brr, das ist frisch!), herkömmliche Zahnbürste und Rasierer statt motorisierter Variante (na, geht doch!). Für die öffentliche Hand hieße das unter anderem: weniger Straßenlicht und Leuchtreklame in der Nacht und weniger Ampeln, Blitzer und Parkuhren am Tag (super – ist doch nicht alles nur schlecht!), die dann übrigens auch nicht reparatur- und eines Tages entsorgungsbedürftig wären; weniger neue Supermärkte, Kaufhallen und auch IKEA-Märkte, die eh nur die Stadt- und Kultur-Landschaften mit ihren Plastik-Alu-Designs verschandeln (und auch eines Tages entsorgungsbedürftig sind), aber natürlich mit viel Gas und Strom versorgt werden müssen, weil wir uns alle an einen kuschelig-freundlich gleich bleibenden Wärme- und Helligkeitspegel gewöhnt haben. Ganz davon ab: Müssen denn wirklich an jeder Ecke gleich drei Supermarkt-Riesen stehen? Irgendwann sind doch die Bedürnisse der Bedürfnisse der Bedürfnisse hundertfach gesättigt, die Kühlschränke und Tiefkühltruhen – ach nein, die hätten wir dann ja längst abgeschafft – also die Vorratskammern und Keller überfüllt... Übrigens: Kopenhagen soll so eine „Grüne Stadt“ sein, das ist gar nicht weit weg von hier, könnten wir uns bei Gelegenheit mal anschauen...
Es geht um nichts mehr als das große WENIGER. Außer in Sachen Qualität. Davon möchten wir MEHR, zum Beispiel in der Kleiderwelt: Sitzt besser und hält länger – sogar über das von uns ausgerufene Jahr der Qualität hinaus! - Schade ist bei alldem nur eines: Wir hätten eigentlich gerne noch mal nach Tokyo gewollt – doch da wir jetzt zu verzichten lernen, fahren wir halt nach - Kopenhagen! Oder?


Einen Kommentar schreiben
Wer das mal ausprobieren möchte, oder sich vorstellen könnte, mal darüber zu lesen, dem kann ich nur das Buch "Fast Nackt" von Leo Hickman empfehlen, es bietet sehr gute Anregungen, "grüner" zu leben und ist witzig und humorvoll geschrieben. Der Autor führt in dem Buch für die Zeitung, bei der er arbeitet, einen Selbstversuch durch und lernt daraus eine Menge. Sehr empfehlenswert!
Einen Kommentar schreiben